Ghost Dance

2014
1-Kanal-Videoinstallation
Looplänge: 6Min22

ermöglicht durch: EMARE-Mexico/European Media Art Network (EMAN)/Werkleitz Halle/Europäische Kommission
Musik: Ausschnitte aus „Song II“ vom Album „Venexia“ von Lucio Capece, Axel Dörner, Kevin Drumm und Mika Vainio, aufgenommen im Teatro Fondamenta Nuove Venedig, Label Pan

Irgendwo draussen. Drei ältere Männer tanzen. Sie scheinen völlig in ihr Tun versunken, ihre Bewegungen folgen demselben Rhythmus und einer gemeinsamen Choreographie. Trotzdem ist irgendetwas anders. Das liegt nicht nur an der begleitenden Musik, die in keiner Verbindung zu den Tanzbewegungen steht, sondern auch an der Hermetik der Szenerie. Die Bewegungsabläufe wirken seltsam formalisiert und beim längeren Zusehen wird erkennbar, dass die Szene durch die Videomontage permanent wiederholt wird. Dieser gestalterische Eingriff konfrontiert die Freiheit des Tanzes mit der Strenge des Rituals. In der Gegenüberstellung von Spiel und Form, Freiheit und Regel verweist das Video auf die Essenz kultureller Rituale. Freiheit entsteht aus Regeln ebenso wie die Ekstase streng genommen ein Ergebnis von Askese ist. Raster und Revolte - beide gehören zusammen. Diese Dualität liegt jeder Religion zugrunde, ihre Wurzeln liegen in alten kultischen Zeremonien, wie etwa dem Geistertanz, mit dem sich die amerikanischen Ureinwohner in einen tranceartigen Zustand versetzten, um in Verbindung mit ihren Toten zu treten.

Vor diesem Hintergrund offenbart GHOST DANCE eine tiefere Bedeutungsschicht jenseits der offensichtlich ausgestellten Bild-Oberflächen. Wenn man diese Perspektive einmal eingenommen hat, dann fügt sich jedes Detail in das Gesamtbild: der die Szene beschränkende Zaun und das wild wachsende Grün dahinter, die drei Männer mit den typisch amerikanischen Basecaps und ihre erkennbar indigenen Wurzeln: das minimalistische Setting offenbart einen double-bind und setzt auf diese Weise das Spiel zwischen Spiel und Form, das den tänzerischen Akten der Wiederholung auf der Bildebene zugrunde liegt, auf der Wahrnehmungsebene fort.

Der Spiel-Theoretiker Johan Huizinga definiert mit dem „homo ludens“ die kulturbildende Kraft des Spiels. Und John Cleese, der legendäre Begründer von Monty Python, bringt diese grundlegende menschliche Aktivität auf den Punkt:
„Creativity is the ability to play“.
Anja Osswald