Künstlerisches Arbeitsfeld oder Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens

1981
Einkanal-Installation
Super-8-Film auf Video 
Loop 17 Minuten
ohne Ton
Performerin: Maria Vedder
 
Orte: 
Albert Magnus Platz, Universität zu Köln
Platz zwischen Hauptbahnhof und Kölner Dom
Freibad Köln 
im Hauptbahnhof Köln
vor der Oper Köln

Früher, vor ziemlich langer Zeit, war das Atelier der bevorzugte Ort, an dem das kreative Schaffen seinen Ausgang nahm. Es stellte einen Ort des Rückzugs und der Konzentration dar – ein Arbeitsfeld, in dem das „Außen“, die „wirkliche Welt“ nur in vermittelter, künstlerisch gestalteter Form Einlass fand. Spätestens in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts verlor das Atelier diesen auratischen Charakter. Künstler und Künstlerinnen verließen ihre Studios und zogen nach draußen. Insbesondere der urbane Raum wurde zum Schauplatz künstlerischer Inszenierungen, deren postulierte Nähe zur Alltagswirklichkeit Programm war. In der Irritation der Grenzen zwischen Kunst und Leben, öffentlich und privat, Innen und Außen hob die Kunst jener Jahre diese kategorialen Unterscheidungen ins Bewusstsein und machte 
sie im Wortsinn frag-würdig.

Maria Vedders Arbeit, 1981 entstanden, rückt nicht nur zeitlich in die Nähe dieses Aufbruchs. Als Feldstudie steht sie auch konzeptuell in der Tradition der performativen Kunstpraxen der 70er Jahre. Das insgesamt 17 Minuten lange und als Loop präsentierte Video besteht aus fünf Teilen, die, an fünf unterschiedlichen Schauplätzen Kölns lokalisiert, künstlerische Eingriffe in den Stadtraum zeigen. Jede der Szenen folgt einem gleich bleibenden Muster: eine Performerin, die Künstlerin selbst, steckt mithilfe von beweglichen Pflöcken und einer Schnur ein rechtwinkliges Terrain ab und stellt sich schließlich selbst in dem solchermaßen abgezirkelten Bereich auf. In der ersten Szene findet die Aktion auf dem Albert Magnus Platz vor dem Hauptgebäude der Universität statt, in der zweiten auf dem Platz zwischen dem Hauptbahnhof und dem Kölner Dom, die dritte Szene spielt im Freibad, Schauplatz der vierten ist im Bahnhof und der fünften vor der Oper der Rheinmetropole. Jede Aktion dauert so lang wie die Rolle eines Super-8-Films, 
3 Min., und ist ungeschnitten.

Die Irritation, die diese nach zweckrationalen Kriterien sinnfreie Aktion auslöst, ist an den Reaktionen der Passanten, der Schwimmbadbesucher und Reisenden durchaus ablesbar. Sie entbehrt auch nicht einer gewissen Komik, etwa wenn die in einen weißen Arbeitsoverall gekleidete Künstlerin ihr Terrain unmittelbar vor der Musikkapelle der Heilsarmee absteckt, die sich im Schatten  des Doms positioniert hat. Abgesehen von der Frage, welche Öffentlichkeiten der öffentliche Raum eigentlich adressiert, stellt die Künstlerin mit der Beanspruchung eines Frei-Raums in der städtischen Betriebsamkeit aber auch und vor allem die Frage nach dem Ort von Kunst. Dass dieser Ort trotz der offensiv vorgenommenen Markierungen eher unkonturiert bleibt, liegt nicht nur an der Unschärfe und Grobkörnigkeit des zu Grunde liegenden Super-8-Film-Materials.  Vielmehr ist diese bewusste Unschärfe zentraler Bestandteil einer interventionistischen Praxis, die als Versuch einer (un-)möglichen Verortung von Kunst beschreibbar ist.

Anja Osswald