La Bestia

2012
Film
Kamera: Maria Vedder
Ton: Jochen Jezussek
Schnitt: Maria Vedder, Manja Ebert
7:08 Min.

Das Video zeigt, wie in einem der ersten Filme in der Geschichte der Kinematographie, „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ von den Brüdern Lumière von 1895, einen in einer einzigen Plansequenz auf den Zuschauer zufahrenden Zug. Bedrohlich langsam schiebt sich der Koloss mit 85 Waggons und 2 Lokomotiven ins Bild.

Es ist ein unter Migranten in Mexiko berühmt-berüchtigter Zug. Hunderte Menschen verlassen täglich ihre verarmten Länder in Mittelamerika, um in die USA zu gelangen. Mit dem Grenzübertritt nach Mexiko begeben sie sich auf eine der gefährlichsten Migrationsrouten der Welt. Die meisten reisen die 3.500 km als blinde Passagiere auf diesem Güterzug, der „La Bestia“, die Bestie, genannt wird wegen der Menschenleben, die er frisst. Nicht nur das Herunterfallen vom Waggondach kann das Leben kosten. Entführungen, Vergewaltigungen und Morde durch die Drogenmafia sind gang und gäbe.



In Maria Vedders Video „La Bestia“ fährt ein Güterzug über eine durch Gebüsche, Geröll und Strommasten markierte Landschaft bedrohlich langsam auf die Kamera zu. In einer einzigen Plansequenz gedreht, erstreckt sich das Vorbeifahren des Zuges über eine Länge von sieben Minuten, die seine überwältigende Dimension mit 85 Waggons offenlegt. Der zu Beginn etablierte  Landschaftsraum darf sich erst gegen Ende wieder ohne den ihn durschneidenden Zug präsentieren.

Zugleich erzählt Vedder mit lakonischem Blick von der brutalen Realität hunderttausender MigrantInnen, deren individuelle Schicksale territorialen und ökonomischen Machtbestrebungen und Raumordnungsmodellen unterliegen.  Die Fahrt mit der berühmt-berüchtigten „Bestie“, wie der Zug unter süd- und mittelamerikanischen MigrantInnen genannt wird, umfasst eine Strecke von über 3000 Kilometer durch das Transitland Mexiko und gilt laut Amnesty International als eine der gefährlichsten Migrationsrouten weltweit. Die Passage bildet jährlich für Hunderttausende von Menschen die einzige Perspektive, ihrer extremen Not zu entkommen und in die USA zu gelangen – trotz der tückischen, lebensbedrohlichen  und allseits bekannten Gefahren, die die Fahrt als blinder Passagier auf den Dächern der Güterzüge birgt: Während jährlich hunderte Flüchtlinge durch Herunterfallen vom Waggondach sterben oder sich schwere Verletzungen zufügen, häufen sich die Berichte über Morde, Vergewaltigungen, Entführungen und Erpressungen im Dunstkreis mexikanischer Drogenkartelle und korrupter Migrationspolizisten.

Gleichzeitig weckt Vedders Arbeit unweigerlich Assoziationen zu einem der ersten Werke der Kinematografiegeschichte:  „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ der Brüder Lumiere aus dem Jahr 1895, dessen sagenumwobene Erstaufführung in einer panischen Flucht der Zuschauer aus dem Kinosaal geendet haben soll. Während hier der Zug den Bahnhof von La Ciotat anfährt und die Fahrgäste in alltäglicher Routine aussteigen, entbehrt Vedders „La Bestia“ eine lineare Erzählstruktur und eröffnet durch den Loop in der Aufführungssituation eine zentrale inhaltliche und symbolische Dimension: Der Ausgang der Zugfahrt für den Einzelnen ist offen. Denn steht der Zug seit Beginn seiner Geschichte gleichzeitig für die Erkundung und Markierung, Zerschneidung und Überwindung von Raum, so verweist Vedder  darauf, dass die heilsbringerisch gelobten Möglichkeiten der Grenzüberschreitung, der Wandel von Raumvorgabe zu Raumwahl, dabei keineswegs für jeden in gleichem Maße gilt.
Viktor Neumann