Ausser Atem

2000
Einkanal-Installation
14:45 Min.
ohne Ton

Eine karge hügelige Landschaft, im Vordergrund ein Haus, aus dessen Kamin in dichten Schwaden unablässig Rauch quillt. Das Haus steht in Wasser, es hat keine Fenster und auch mit den Größenverhältnissen scheint etwas nicht zu stimmen. Über eine Länge von knapp 15 Minuten in der gleichen Einstellung gefilmt, entfaltet die Szenerie eine verstörende, man könnte auch sagen: unheimliche Wirkung.

Sigmund Freud hat das Unheimliche als ehemals vertraut Gewesenes beschrieben, das fremd geworden ist. Die Wirkung des Unheimlichen besteht also nicht in der Erfahrung eines Fremden, Unvertrauten, sondern, umgekehrt, in der Entfremdung eines ursprünglich Vertrauten. Was das Unheimliche unheimlich macht, ist die Fallhöhe zwischen beiden in der zeitgleichen Erfahrung von Vertrautheit und Fremdheit. Diesen Effekt hat auch Maria Vedders Video. Alles scheint vertraut und doch irgendwie anders, fremd. Je länger wir den präsentierten Landschaftsausschnitt betrachten, umso mehr verliert er seinen harmlosen Charakter. Zieht man mit Freud noch die etymologische Verbindung von unheimlich und heimlich im Sinne von „heimelig, zum Haus gehörig, nicht fremd, vertraut, zahm, traut und traulich, anheimelnd“ in Betracht, so kommt insbesondere dem Haus in Maria Vedders Szenerie eine geradezu symbolische Bedeutung zu. Denn dieses Haus aus Beton und ohne Fenster ist kein Heim, sondern eher ein gespenstisch atmendes Puppenhaus (dass es sich tatsächlich um ein Miniaturhaus handelt, wird spätestens in dem Moment deutlich, in dem das Bild kreuzende Wanderer Rückschlüsse auf die Größe des Hauses erlauben).

Man könnte von dieser Interpretation ausgehend weiter auf Freuds Spuren wandeln. Die kleine unwirtliche Behausung wäre dann in Form einer Wiederkehr des Verdrängten als Körper-Metapher zu betrachten, als Angstbild eines Fremdkörpers – oder, vielleicht besser: fremdgewordenen Körpers – und gleichzeitig Beleg für Freuds These, dass „das Subjekt nicht Herr ist im eigenen Haus“.

Anja Osswald