Schwelle

2006
Film und Einkanal-Installation
8:12 Min.
Musik: "Heart Pulse", composed and recorded by Brian Eno and J. Peter Schwalm
Opal Music London (PRS) and Editions Outshine/BMG-UFA
© Opal Ltd. 1999
Tonschnitt: Christian Obermaier

Schwellen markieren Übergänge. Sie kündigen Ortswechsel an, aber auch Veränderungen in mentalen Zuständen. Man spricht von der Schwelle zwischen Wachen und Träumen ebenso wie von der zwischen Leben und Tod. Schwellen sind oft unsichtbar; manchmal kann man aber auch drüber stolpern und spätestens dann wird die Schwelle als Grenze, als Nicht-Raum zwischen Räumen bewusst. Maria Vedders Arbeit SCHWELLE ist, wenn man so will, eine audio-visuelle Anleitung zum Stolpern. Wohlgemerkt zu einem kreativen Stolpern, denn das, was wir dort sehen und hören, scheint zunächst als Teil unserer alltäglichen Erfahrungswelt vertraut, bei längerem Betrachten jedoch werden sowohl die Bilder als auch die Klänge zunehmend fremder.

Das Video zeigt Passanten, die aus der Froschperspektive durch eine Milchglasscheibe gefilmt wurden. Man sieht verschieden geformte Schuhsohlen, der Rest der Körper verliert sich im Ungefähren. Das Blickfeld beschränkt sich auf einen Ausschnitt. Für den Betrachter erschließt sich weder, wo die Passanten hinlaufen, noch wo sie herkommen. Kein Ort, nirgends, nur der Zeittakt der Schritte. Dazu ertönt eine Komposition von Brian Eno und J. Peter Schwalm, die das visuell Dargestellte mit einem subtilen Netz elektronischer Klänge umgibt. Feines Zirpen ertönt, das sich anhört wie Störgeräusche eines Radios, sich aber auch zu dem bedrohlichen Bohren und monotonen Rhythmus einer Maschine steigern kann. Obwohl die Klänge zurückhaltend leise sind, entfalten sie mit der Zeit eine durchdringende Wirkung und fräsen sich ins Gehör. Oder handelt es sich bei diesem für kurze Momente ins Melodische kippenden Sirren und Zirpen vielleicht eher um Empfangssignale fremder Wesen aus dem All? Und würden dazu nicht die seltsam körperlosen Fußabdrücke auf den Milchglasscheiben passen?

Die Kombination der Darstellungselemente hält mögliche Antworten in der Schwebe. Ebenso in der Schwebe bleibt die gefilmte Örtlichkeit, die zwischen banalem Alltagsbetrieb in einem Bahnhof oder Flughafen und einem Besuch „from outer space“ oszilliert und den Betrachter an einen in doppeltem Wortsinn transitorischen Ort entführt. Hier gibt es kein Ankommen, nur Unterwegs-Sein, Durchreise zwischen Hier und Dort.

Dieses Irgendwo-Nirgendwo ist für den Soziologen Marc Augé charakteristisch für „Nicht-Orte“: „So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen lässt, einen Nicht-Ort.“ (Marc Augé; Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit, Frankfurt/M. 1994, S.92). Bahnhöfe und Flughäfen sind solche Orte, die als Relais, als Durchgangsstation funktionieren. Man tritt in sie ein, um woanders anzukommen. Es ist viel Offenheit in diesen Räumen ohne Erdung, ohne Bodenhaftung. Im Unterschied zur Heimat etwa als dem Ort, an dem man sich physisch oder mental zuhause fühlt, sind Bahnhöfe oder Flughäfen Orte, in denen Räume und Zeiten ihre Festigkeit verlieren. Wohl deswegen eignen sie sich so gut als Projektionsflächen von Wünschen und Sehnsüchten.

Maria Vedders Video zeigt einen solchen „Nicht-Ort“ als paradoxe Schnittstelle zwischen physischem und geistigem Raum. Die hin und hereilenden Passanten mit und ohne Gepäck werden zu Akteuren in einer Choreographie des Unterwegs-Seins, die als Signum des post-postmodernen Menschen schlechthin gelten kann. Dass die Künstlerin dabei auf jegliche technischen Raffinessen und Kniffe aus der digitalen Trickkiste verzichtet, trägt zur Intensität der Arbeit ebenso bei wie die gewählte Kameraperspektive. Der dargestellte Raum ist mit den Gesetzen von Statik und Perspektive kaum zu erfassen. Das Ergebnis ist ein Verlust an Bodenhaftung.

Im Unwägbarwerden einer klaren räumlichen Verortung hat Maria Vedder eine Videoarbeit konzipiert, die sich in mögliche virtuelle, das heisst mentale Bild- und Klang-Räume ausdehnt, wobei immer wieder Schwellen passiert werden, über die der Betrachter je nach Gemütslage und Aufmerksamkeit gleiten - oder auch stolpern kann.
Anja Osswald