Der Herzschlag des Anubis

zusammen mit Bettina Gruber
Video 1988
5:00 min, Farbe, Ton
Musik: Bettina Gruber, Igor Tillmann, Uwe Wiesemann,
Gerhard Zilligen

Auf einem schmalen, hohen Podest ein hölzernes Ruderboot. Darin eine Hundegestalt mit einer langen Schnauze und langen stehenden Ohren. Sie rudert in einem imaginären Wasser, angedeutet durch die blaue Bemalung des Podestes, das sich stetig dreht. Dabei erkennt man auf einer seiner Schmalseiten ein aufgemaltes stilisiertes Auge.

Schon bei diesem ersten Bild ertönt eine rhythmisch-musikalische Untermalung, die das ganze Tape durchläuft, in immer gleicher stetiger Leichtigkeit, wie mit sich selbst beschäftigt, aber ein akustische Handlauf für den Betrachter.

Der Titel wird über das Bild des Ruderers in seinem Boot geblendet: „ Der Herzschlag des Anubis“. Eingerahmt wird diese Einblendung von zwei Zwischenschnitten von jeweils nur wenigen Zehntelsekunden. Sie zeigen eine Kamerafahrt an einer blau und gold gefassten Säule herunter, rahmen damit gewissermaßen den Titel ein und zeichnen ihn als über dem Tape stehend aus.

Die nachfolgenden Einstellungen erscheinen zunächst in kurzen Zwischenschnitten, dann aber in immer länger werdenden Sequenzen. Ein vom Kopf her in extremer Verkürzung gesehener liegender Mann, der sehr kunstvoll in eine Jahrmarktströte bläst, so dass dieses eigentlich höchst banale Ding eine eigene Lebendigkeit erhält und Figuren zeigt, die von hoher assoziativer Kraft sind.

Die Bilderzählung gleitet über zu einer Gruppe von kleinen Falken aus Ton, überragt von einem kleinen Drahtgestell, das einen neongelben Halbmond trägt. Die ganze Gruppe dreht sich unaufhörlich vor dem dicht herangerückten Kameraauge. Dann plötzlich ein lebendiges Wesen, ein Hund, der ruhig vor der Kamera sitzt. Auf seinem Kopf wird dann eine Sequenz aus einem 16mm-Film projiziert, die einen Gepard zeigt, der eine Antilope reißt und sie in dem für Geparden typischen Todesbiss hält: er bricht dem Opfer das Genick und wartet dann ab, bis es stirbt, was bis zu 8 Minuten dauern kann. Von diesem Bild gleitet die Erzählung zurück zur anfänglichen Einstellung, dem rudernden Anubis, der dann in vielen kleinen Schritten, die im Abschalten der verschiedenen Beleuchtungsapparate bestehen, „ausgeblendet“ wird, während bereits die „Credits“ darübergelegt werden

Das Tape ist mit sehr einfachen aufnahmetechnischen Mitteln hergestellt und anschließend nur mit einfachen, aber präzisen Schnitten bearbeitet worden. Auch die besondere Farbigkeit, auf den Grundfarben Gelb und Blau basierend, wurde allein mit der Beleuchtung erreicht.

Damit bleiben Gruber/ Vedder nicht nur sich selbst treu, denn alle bisherigen Arbeiten, die die beiden Kölnerinnen seit Beginn ihrer Zusammenarbeit 1978 produziert haben, zeichnen sich durch Einfachheit der verwendeten Mittel aus.

Sie stehen damit auch – und dies sollte an dieser Stelle besonders hervorgehoben werden – stellvertretend für eine ganze Reihe weiterer Künstler, deren Arbeit im Medium Video weniger die technologischen und kommunikationstheoretischen als seine wahrnehmungsästhetischen Eigenschaften im Blick hat.

Mag dies anfangs eine Folge schlechter Produktionsbedingungen gewesen sein, so haben Gruber/ Vedder aus der Not eine Tugend gemacht und zu einer Sprache gefunden, die sowohl ästhetisch wie auch kulturtheoretisch der Produktionstechnik kongruent ist.

Wie schon die Tapes seit 1984 zeigen, geht es Bettina Gruber und Maria Vedder in erster Linie um den Bildschirm des Fernsehapparates als Rahmen der Bilderrezeption. Sie begreifen ihn nicht als eine Beschränkung der künstlerischen Phantasie, die diesen entweder nach innen ( durch das Universum der elektronischen Effekte ) oder nach außen ( mittels Installationen ) aufbrechen müsse. Vielmehr sehen sie in ihm ein gegebenes Bildfeld, das sich durch eine feste Struktur und nur geringe Größenvariante auszeichnet, das aber vor allem eine individuelle, wen nicht gar eine intime Rezeption der Bilder voraussetzt.

Formalästhetisch betrachtet besteht eine der wichtigsten Aufgaben des Videokünstlers darin, das graue „Blatt“ des Bildschirms mit klassisch künstlerischen Mitteln zu gestalten, mit Komposition, Zeichnung und farblicher Akzentuierung. Gerade dieser „malerische“ Aspekt des Videos ist in „Der Herzschlag des Anubis“ mit besonderer Klarheit und feinem Gespür durchgeführt.

Auch in andere Hinsicht gehorcht die ästhetische Struktur den Gesetzen eines Kunstwerks. Da ist das Problem der zeitlichen Abfolge der Videobilder. Gruber/Vedder strukturieren die Verknüpfung der einzelnen Sequenzen mit einer Technik des Schnitts gegenläufiger Zeitreihen. Das heißt, die Zeiteinheiten der gegeneinander geschnittenen Sequenzen werden kleiner respektive größer. Damit verwachsen beide Sequenzen zu einer fast architektonischen Statik, die sich der linearen Zeitlichkeit der laufenden Bilder widersetzt. Das architektonische Moment wird schon eingangs betont durch die Einrahmung des Titels durch die Zwischenschnitte der Aufnahmen der Säule. Damit erhält der Titel den Charakter eines statischen Bildes.

Durch diese Vernetzung der Sequenzen wird auch dem latenten Hang der laufenden Bilder zur Narration entgegengewirkt. Natürlich schafft auch die Abfolge der Sequenzen in „Der Herzschlag des Anubis“ eine Erzählung. Doch ist sie zugunsten der nonverbalen Wirkung der Bilder stark zurückgenommen und bleibt in einem Zustand der Andeutung verschiedener Möglichkeiten. Auf diese Weise erreichen die Autorinnen ein in der Videokunst seltenes Moment, dass nämlich statt einer Erzählung, die durch Bilder illustriert wird, nun die Bilder selbst zu Trägern der Erzählung werden. In diesem Sinne könnte man das Tape mit Bill Violas „ I don`t know what it is I am like“ vergleichen, trotz aller technischen und weltanschaulichen Unterschiede. Denn beschwört Viola durch Montage, Überblendung und zeitliche Drehung realer Aufnahmen eine Poesie der Suche nach den eigenen Ursprüngen herauf, arbeiten Gruber/Vedder gezielt auf eine Vermeidung poetischer Momente hin. Mittel dieser Strategie ist einerseits die Modellwelt, die ihre Bänder bevölkert, die „Puppenstube“ der Motive. Sie steht in anderer Hinsicht auch in stringentem Bezug zur Konzeption des Videos als Bilderrahmen, verdeutlicht sie doch, dass die ablaufenden Bilder künstlich sind und keinen Anspruch auf Authentizität haben.

In Wirklichkeit misstrauen Gruber/Vedder der Ideologie des Authentischen in Bildern, da auch diese unabhängig sind von den sprachlichen Konzepten, über die sie sich vermitteln, das heißt von den Konventionen und Normen abhängig sind, die die Sprache aufstellt und aufstellen muß, um eine Verständigung unter den Menschen zu erreichen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Dinge, die wir sprachlich fassen, auch so sind, wie wir sie benennen. Die Relativität der Zeichencodes bezüglich der Wahrheit der Dinge ist eines der Hauptthemen der Videoarbeiten von Gruber/Vedder. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn sich Größenverhältnisse ändern: die Jahrmarktströte, die F.W. Heubach als liegender Mann bedient, erscheint zunächst in Großaufnahme und ruft Assoziationen zu Vögeln, Gespenstern und allen möglichen kunstvollen Gestalten wach, bevor die Kamera dann in die Totale geht und das Bild „aufklärt“ in seiner „wahren“ Dimensionalität. Dieser besondere Sinn für die Umkehrung von Verhältnissen ist ein Merkmal der Ästhetik von Gruber/Vedder. Er erzeugt auch eine originelle Form der Komik in den Bildern, die neben der leichten, einfachen Musik, der „Welt der Puppenstube“ und der ausgesuchten Farbigkeit der Bilder einen außerordentlich anregenden Unterhaltungswert erzeugt, der die Rezeption des Tapes auf vielen Ebenen ermöglicht.

Denn die Geschichte, die das Tape erzählt, ist gar nicht komisch: Anubis ist der altägyptische Totengott, hier mit dem griechischen Charon identifiziert, der als Fährmann die Toten in das Reich der Seelen übersetzt. Auch die Tröte gewinnt mythische Dimension in der Kombination mit dem liegenden Mann: hier scheint der ebenfalls altägyptische Mythos von Isis und Osiris auf. Isis, die den getöteten, zerstückelten und in alle Welt verstreuten Geliebten in mühevoller Suche wieder zusammensetzt, sich abschließend „wie ein Vogel“ über ihn legt und ihn damit dem Leben zurückgewinnt. Auch die Sequenz mit dem Hund hat das Thema des Todes. Will man ihn nicht als etwas platte Verkörperung des Höllenhundes Cerberus deuten, der zwar alle Seelen in das Reich der Toten ein, sie aber nicht wieder herausließ, so steht doch sein Tiersein für Leben, denn er bewegt sich, und die Projektion des tötenden Geparden auf seinem zahmen Kopf schafft eine bizarre Inkongruenz der Bildinhalte.

Es ist eine Geschichte vom Tod, nicht aber über den Tod, die hier erzählt wird. Sie produziert eine Aura der Melancholie, die aber nur derjenige spürt, der bereit ist, sich jenseits aller formalästhetischen und zeichentheoretischen Bedeutungsebenen auf das eigentliche Thema des Tapes einzulassen. Gerade dieser Umstand macht das Videotape „Der Herzschlag des Anubis“ von Bettina Gruber und Maria Vedder zu einem herausragenden Kunstwerk.

Friedemann Malsch